Digitalisierung ist angekommen – aber noch nicht durchgängig
Während künstliche Intelligenz und neue digitale Technologien die öffentliche Diskussion bestimmen, kämpfen Gastronomie und Getränkefachgroßhandel teilweise noch mit deutlich grundlegenderen Digitalisierungsfragen. Eine aktuelle Digitalumfrage des Berliner Plattformanbieters kollex zeigt, dass rund die Hälfte der befragten Gastronomiebetriebe und Getränkefachgroßhändler den eigenen Digitalisierungsgrad lediglich als mittelmäßig einschätzt.
Für die Erhebung wurden nach Angaben von kollex die Antworten von 603 Nutzerinnen und Nutzern, vorwiegend aus Gastronomie und Hotellerie, sowie von 29 Getränkefachgroßhändlern ausgewertet.
Gleichzeitig zeigt die Befragung, dass sich durchaus etwas bewegt: Jeder zweite Gastronomiebetrieb hat in den vergangenen zwölf Monaten mindestens ein neues digitales Tool eingeführt.
Investitionen und Zeitaufwand bremsen die Digitalisierung
Als größte Hürden bei der Einführung neuer Software nennt rund ein Drittel der Befragten die notwendigen Investitionen. Dahinter folgt der Zeitaufwand für Auswahl, Einführung und Einarbeitung.
Gerade für kleinere Gastronomiebetriebe entsteht damit ein Problem: Digitale Lösungen sollen den Arbeitsalltag vereinfachen und langfristig Zeit sparen. Ihre Einführung bindet zunächst jedoch genau diese knappe Ressource.
Digitale Bestellplattformen und Kassensysteme gehören inzwischen zu den am weitesten verbreiteten digitalen Anwendungen in der Gastronomie. Rund ein Viertel der befragten Betriebe nutzt nach Angaben der Umfrage jeweils eine dieser Lösungen.
App, Webshop, Telefon und E-Mail bestehen parallel
Die Digitalisierung ersetzt bestehende Bestellwege allerdings nicht vollständig. App und Webshop gehören zu den wichtigen digitalen Kanälen, gleichzeitig bleibt das Telefon für gut jeden achten Gastronomiebetrieb ein regelmäßiger Bestellweg. Auch Bestellungen per E-Mail spielen weiterhin eine Rolle.
Selbst das Fax ist noch nicht vollständig verschwunden. In weniger als einem Prozent der Fälle werden Bestellwünsche nach Angaben der Umfrage weiterhin auf diesem Weg übermittelt.
Damit entstehen parallele Kommunikationswege, die für Betriebe zusätzlichen organisatorischen Aufwand bedeuten können.
Getränkefachgroßhandel arbeitet mit vielen Kanälen
Besonders deutlich wird die Situation beim Getränkefachgroßhandel. Nach den Ergebnissen der kollex-Befragung werden Telefon, E-Mail und App von jeweils 93 Prozent der befragten Getränkefachgroßhändler als Bestellkanäle ihrer Kundinnen und Kunden genannt.
Daneben kommen Webshops, Messenger und der persönliche Kontakt über den Außendienst zum Einsatz.
Die Vielzahl der Kanäle kann allerdings zu Medienbrüchen führen. Bestellinformationen aus unterschiedlichen Quellen müssen teilweise manuell in Warenwirtschaftssysteme übertragen werden. Das erhöht den Arbeitsaufwand und kann gleichzeitig zusätzliche Fehlerquellen schaffen.
Digitalisierung soll Kosten senken und Prozesse effizienter machen
Für die kommenden zwölf bis 24 Monate nennen die befragten Getränkefachgroßhändler verschiedene Ziele, die unmittelbar mit effizienteren Prozessen verbunden sind. Dazu gehören unter anderem Kostensenkung, höhere Effizienz, weniger Fehler, Zeitersparnis und ein effizienterer Personaleinsatz.
Auch Neukundengewinnung, skalierbares Umsatzwachstum und mehr Transparenz gehören zu den genannten Zielen.
Der Blick auf den tatsächlichen Arbeitsalltag zeigt laut Umfrage jedoch weiterhin zahlreiche Herausforderungen. Medienbrüche zwischen Telefon, Fax, E-Mail, Messenger, Außendienst und ERP-System treffen auf manuelle Prozesse bei Bestellannahme und Auftragserfassung. Gleichzeitig erschwert Personalmangel die Arbeit im Innendienst.
Hinzu kommt teilweise fehlende Transparenz bei Bestellstatus, Preisen und Verfügbarkeiten.
Rund zwei Drittel der befragten Getränkefachgroßhändler schätzen den Anteil ihrer digitalen Bestellungen auf höchstens 50 Prozent.
„Letzte analoge Meile“ als zentrale Herausforderung
Stefan Kellner, CEO von kollex und Herausgeber der Digitalumfrage, sieht deshalb zunächst weniger die Einführung neuer KI-Anwendungen als vielmehr die Schaffung eines funktionierenden digitalen Fundaments als entscheidend an.
Seiner Einschätzung zufolge ist die Bereitschaft zur Digitalisierung in Gastronomie und Getränkefachgroßhandel grundsätzlich vorhanden. Entscheidend sei jedoch, dass digitale Arbeitsabläufe für die Betriebe einen unmittelbar erkennbaren Zeitvorteil bringen.
Gerade in der Gastronomie ist der Bestellprozess häufig direkt mit der Geschäftsführung verbunden. 88 Prozent der Befragten geben laut Umfrage an, ihren Einkauf selbst zu übernehmen. Eine Umstellung auf digitale Bestellprozesse würde damit unmittelbar den Arbeitsalltag derjenigen verändern, die diese Entscheidungen treffen.
Getränkefachgroßhandel steht vor einem Spagat
Für den Getränkefachgroßhandel bedeutet die Entwicklung einen besonderen Spagat. Einerseits erwarten Gastronomiekunden zunehmend digitale und flexible Bestellmöglichkeiten. Andererseits führt jeder zusätzliche Kanal auf Seiten des Großhandels potenziell zu weiteren Schnittstellen und manuellen Arbeitsschritten.
Die eigentliche Herausforderung besteht damit nicht allein darin, weitere digitale Anwendungen einzuführen. Entscheidend ist vielmehr, bestehende Prozesse möglichst durchgängig miteinander zu verbinden.
Die Ergebnisse der kollex Digitalumfrage 2026 zeichnen entsprechend ein differenziertes Bild: Gastronomie und Getränkefachgroßhandel sind längst keine rein analogen Branchen mehr. Gleichzeitig bestehen digitale und analoge Prozesse weiterhin nebeneinander.
Digitales Fundament wichtiger als KI-Hype
Für Gastronomie und Getränkefachgroßhandel könnte deshalb zunächst die sogenannte „letzte analoge Meile“ entscheidend sein. Medienbrüche zu reduzieren, Bestellprozesse durchgängig digital abzubilden und Informationen zwischen verschiedenen Systemen effizient auszutauschen, kann dabei einen größeren praktischen Nutzen haben als die Einführung möglichst neuer Technologien.
Erst wenn die grundlegenden Abläufe digital funktionieren, lässt sich darauf die nächste Stufe der Digitalisierung aufbauen.
Die Umfrage zeigt zugleich, dass der Veränderungswille vorhanden ist. Die Frage für viele Betriebe dürfte deshalb weniger lauten, ob digitalisiert wird, sondern vielmehr, welche Prozesse zuerst digitalisiert werden und welchen konkreten Nutzen die Umstellung im Arbeitsalltag bringt.





